31. Mai 2011

Interview mit Renata Strbikova

31.05.2011 08:42

Interview mit Renata Strbikova

Die Chinesen trainieren sehr clever

Renata Strbikova gehört zu den routinierten Spielerinnen im Damen-Zirkus. 1997 wurde die 31-jährige Tschechin bereits Vize-Jugend-Europameisterin und Jugend-Top-12-Siegerin. Es folgten sieben tschechische Meistertitel bei sieben Starts. Das Jahr 2004 war für die Butterfly-Spielerin ein vorläufiger Höhepunkt. Sie qualifizierte sich für ihre erste Olympiateilnahme in Athen und erreichte im Juli die bis dahin höchste Position in der Weltrangliste: Platz 60. Diesen Platz erreichte sie noch einmal im November 2009, als sie zuvor im Achtelfinale der Einzel-WM in Yokohama stand und ihrer Mannschaftskollegin Iveta Vacenovska, ebenfalls bei Butterfly unter Vertrag, nur knapp mit 2:4 unterlag. Überhaupt ist sie eine sehr konstante Spielerin, denn seit über zehn Jahren hält sie sich im Bereich 60 bis 90 der Weltrangliste auf. Ihr dynamisches Offensivspiel ist nach wie vor sehenswert und für Späße ist die stets gut gelaunte Renata auch zu haben, wie sie in dem Interview bewies.

Renata, die Tschechei ist eine traditionsreiche Tischtennisnation, nicht nur bei den Herren, auch beiden Damen. Wo steht die Damen-Nationalmannschaft momentan?

Vor zwanzig Jahren gab es nicht so viele gute Tischtennisnationen, vielleicht acht oder zehn. Heute ist alles viel enger geworden und es gibt viel mehr starke Gegner. Bei der Europameisterschaft 2009 in Stuttgart haben wir Bronze geholt und das hat uns Antrieb gegeben. Das war die erste Mannschaftsmedaille seit 15 Jahren. In Europa gibt es kein Team mehr, dass gegen uns Favorit ist.

Welche Rolle spielst du in der Mannschaft? Du bist ja die Älteste.

Ich bin der Chef. Ich habe die meiste Erfahrung und führe das Team. Mit Iveta Vacenovska haben wir eine Nummer 2, die jeden schlagen kann, und mit der Jüngste, Dana Hadacova, haben wir eine wirklich gute Nummer 3. Mit dieser Mannschaft kann alles passieren. Das macht Spaß.

Wie sieht es mit dem weiblichen Nachwuchs in der Tschechei aus?

Ehrlich gesagt, ich bin nicht sehr optimistisch. Wir haben zwei Mädchen, die vielleicht einmal den Anschluss zu uns finden könnten, aber dazu gehört harte Arbeit. Zum Glück ist unsere Mannschaft recht jung, sodass sich vielleicht noch etwas entwickeln kann. Aber ein Supertalent ist nicht in Sicht. Außerdem ist die Konkurrenz der Sportarten untereinander sehr groß, und Tischtennis gehört bei den Mädchen nicht gerade zu den beliebtesten Sportarten. Es kommen immer weniger Mädchen zum Tischtennisleistungssport. Bei den Jungen ist das deutlich anders.

Du spielst seit dieser Saison in der polnischen Superliga. Was hat dich dorthin geführt?

Ich habe zuvor vier Jahre in der Tschechei gespielt, aber das Niveau unserer 1. Liga ist zu schwach. Da Olympia 2012 vielleicht meine letzte Chance ist, mich für eine Olympiade zu qualifizieren, musste ich reagieren. Nach Deutschland und Frankreich kommt Polen, was die Spielstärke der 1. Liga anbelangt. Jedes Team hat eine chinesische Spitzenspielerin. Ich spiele bei KTS Forbet Tarnobrzeg, dem 15-fachen polnischen Rekord-Meister, an Position 2. So treffe ich dann immer auf die an Nummer 1 gesetzten Chinesinnen der anderen Teams. Das bringt mich voran. Bei mir in der Mannschaft sind übrigens mit Li Qian und Xu Jie zwei aus China stammende Spielerinnen mit polnischem Pass.

Wie bist du eigentlich zum Tischtennis gekommen?

Als ich acht Jahre alt war, hat unsere Lehrerin zehn Jungen und Mädchen fürs Tischtennis ausgesucht. Sie sagte tatsächlich, unser Ziel sei eine Olympiateilnahme, was ich dann ja auch 2004 geschafft habe. Ich trainierte viel mit Jungen zusammen und fuhr schon als Schülerin zu den Jugend-Europameisterschaften, mit vorzeigbaren Ergebnissen. In meinem letzten Jahr Jugend wurde ich 1997 Vize-Meisterin bei den Jugend-Europameisterschaften und ich gewann im gleichen Jahr das europäische Jugend-Top-12-Turnier.

Waren diese Erfolge der Grund dafür, dich ganz aufs Tischtennis als Profispielerin zu konzentrieren?

Ja, ich dachte mir, jetzt hast du schon soviel Zeit und Mühe investiert, da kannst du nicht aufhören. Und außerdem machte mir Tischtennis natürlich großen Spaß.

Hattest du dabei ein besonderes Ziel im Auge?

Ich wollte immer viel, aber nie zu viel. Das mag für den Sport vielleicht gar nicht gut sein, aber fürs Leben bestimmt.

Das klang philosophisch. Du bist jetzt 31 Jahre alt. Deine stärksten Jahre waren, wenn man deine Weltranglistenplatzierung verfolgt die Jahre 2004 und 2005, wo du immer im 60er-Bereich notiert warst. Danach fielst du ein wenig in die 80er-Region ab und klettertest im Herbst 2009 wieder auf 60. War dein gutes Abschneiden bei der WM 2009 in Yokohama dafür ausschlaggebend?

Klar, ich habe dort das Achtelfinale erreicht, wo ich auf meine Mannschaftskameradin Iveta Vacenovska stieß. Ich verlor am Ende leider knapp, aber für uns war das eine tolle Bilanz. In den Jahren 2006 und 2007 hatte ich in der Tat eine kleine Flaute. Aber um ehrlich zu sein, ich schaue nicht ständig auf die Weltrangliste. Für Olympia kann ich mich nicht direkt qualifizieren, also werde ich jetzt meine ganze Konzentration auf die Olympia-Qualifikationsturniere legen.

Wie bewertest du eigentlich die Bedeutung von großen Turnieren. Ist Olympia an erster Stelle?

Auf jeden Fall. Daran teilzunehmen, kann man nicht beschreiben. Dann kommen für mich die Europameisterschaften und nicht die Weltmeisterschaften, denn die werden zu sehr von den Chinesinnen dominiert.

Viele Spieler, Trainer und Marketing-Experten kritisieren den jährlichen Austragungsmodus der EM. Du auch?

Ja, es ist zu viel. Wir sollten so schnell wie möglich zum zweijährigen EM-Rhythmus zurückkehren. Wenn ich zum Beispiel an Timo Boll denke, dann ist es schon erstaunlich, dass er jedes Jahr wieder die Medaillen abkassiert. Aber ich glaube, das bringt ihn nicht weiter.

Hast du schon mal an deine Zeit nach dem aktiven Spielen gedacht? Vielleicht Trainerin werden?

Wenn ich bei einem Spiel zuschaue, muss ich mitgehen, mich freuen und mit leiden. Ich bin halt sehr emotional. Ich habe einmal bei zwei Spielen an einem Tag gecoacht. Ich war danach fix und fertig. Wenn ich Trainerin würde, dann würde ich entweder mit der Nationalmannschaft oder mit talentierten Kindern arbeiten, die ich von klein auf entwickeln könnte und nicht erst mit 14 Jahren bekäme, wenn sie schon einige Macken in ihrer Technik, in ihrem Spiel und in ihrem Verhalten haben. Die sind dann nämlich schwer herauszubekommen. In jedem Fall will ich nach meiner aktiven Karriere im Tischtennis bleiben. Wir werden sehen. Aufhören werde ich, wenn ich zu viel verliere. Das macht bekanntlich keinen Spaß.

Die für das internationale Damen-Tischtennis unerträgliche Dominanz der Chinesinnen wird immer wieder heiß diskutiert. Keine Europäerin hat eine Chance gegen sie, obwohl die europäischen Topspielerinnen durchaus athletisch und attraktiv spielen. Bei den Herren gibt es mit Timo Boll auch nur einen Spieler, der gegen sie bestehen kann; wie er mit dem Gewinn der Bronzemedaille bei der WM in Rotterdam gezeigt hat. Was ist das Geheimnis des chinesischen Tischtennis? Du warst ja zu Trainingszwecken schon dort.

Ja, ein paar Mal. Was ich sofort gemerkt habe: Sie trainieren sehr clever. Die Trainingseinheiten dauern manchmal 2,5, manchmal 3 Stunden. Sie trainieren vom Anfang bis zum Ende alles, was du im Spiel brauchst. Kurzes Aufwärmen, kurzes Einspielen, zwei Minuten Vorhand, zwei Minuten Rückhand. Dann geht es sofort, wie im Spiel, weiter mit der Übung Topspin auf Block ganzer Tisch frei, 2x15 Minuten lang. Danach eine halbe Stunde Aufschlag-Rückschlag mit Balleimer. Danach eine Stunde Turnier immer nur auf einen Gewinnsatz. Das war’s. Dabei herrscht eine unglaubliche Disziplin. Gegen einen Trainer was zu sagen, ist da nicht möglich. Zusammengefasst ist Training dort viel Spiel- und wettkampfnäher. Und im Kinder- und Jugendbereich herrscht ein unglaublicher Drill. Ich empfehle jedem, sich auf YOU TUBE das Video „2020 Olympic Champion Pingpong Episode 1“ ein 6-jähriges Mädchen beim Balleimertraining anzuschauen, dann hat man eine Vorstellung davon, warum die Chinesen so gut sind.

Du hast dein Leben dem Tischtennissport gewidmet und willst ihm auch weiterhin treu bleiben. Was fasziniert dich so sehr daran?

Tischtennis ist wie Schach spielen, 100m Sprint und Golf spielen zugleich. Diese Mischung ist der besondere Reiz. Tischtennis ist einfach sehr schwierig, vielleicht für Zuschauer zu schwierig. Die Schwierigkeit zu verstehen oder vielleicht auch nur zu erahnen, kann eigentlich nur derjenige, der Tischtennis selbst mal gespielt hat, und sei es nur auf der Hobbyebene. Fußball oder Tennis sind dagegen viel, viel einfacher zu verstehen.

Und was magst du am Tischtennis überhaupt nicht?

Alle Formen von Noppen außen-Belägen, die bei den Damen im Gegensatz zu den Herren noch häufig anzutreffen sind.

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