31. Mai 2011

Interview mit DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfenning, Teil 3

01.05.2011 12:00

Interview mit DTTB-Sportdirektor Schimmelpfennig

Teil 3: Wir müssen die Rotation des Balles sichtbar machen

Kurz nach der Team-WM 2012 in Dortmund wird Dirk Schimmelpfennig, der Sportdirektor des Deutschen Tischtennis Bundes, 50 Jahre alt. Da käme eine Goldmedaille der deutschen Herren-Mannschaft als Geburtstagsgeschenk gerade recht. Größer und schöner könnte es wahrscheinlich gar nicht sein. Sportlich gesehen ist der DTTB im Augenblick gut aufgestellt. Timo Boll ist die Nummer 1 der Weltrangliste, das deutsche Team Nummer 2 in der Welt und Nummer 1 in Europa. Die Damen kamen bei der letzten WM als überraschende Dritte ins Ziel. Und bei den vergangenen Jugend-Europameisterschaften gehörte der DTTB wie schon seit Jahren zu den erfolgreichsten Verbänden. Das freut nicht nur den Sportdirektor des DTTB, nein, das freut auch Butterfly, denn seit dem vergangenen Sommer ist der japanische Tischtennishersteller Sponsor der deutschen Nationalmannschaft. Dirk Schimmelpfennig schätzt die Qualität der Butterfly-Produkte und den Butterfly-Service für seine Spielerinnen und Spieler. Der in der Nähe von Köln gebürtige Butterfly-Vertragstrainer hat schon als 16-Jähriger neben seiner Spielertätigkeit als Trainer begonnen zu arbeiten. Danach ging es Schritt für Schritt nach oben …

Herr Schimmelpfennig, Sie sagten gerade, die Einführung der 11er-Zählweise sei fantastisch und habe Tischtennis enorm weiterentwickelt, die Vergrößerung des Balles von 38mm auf 40mm sei nicht schlecht, auch wenn das Spiel dadurch nicht – wie beabsichtigt - langsamer geworden ist. Eine Regel steht freilich weiterhin in der Kritik und sorgt für viel Diskussionsstoff: die Aufschlagregel. Nach wie vor sind Aufschläge für den Rückschläger schwer erkennbar, weil sie zu sehr vom Oberkörper verdeckt werden. Aus der Perspektive des Schiedsrichters sind diese Verdeckungen gar keine, weil er von Seite des Tisches einen ganz anderen Blickwinkel hat. Besonders die Chinesen sollen sich in diesem Grenzbereich nach Aussagen einiger europäischer Spitzenspieler und –spielerinnen häufig bewegen. Den Schiedsrichtern fehle gerade bei den Topstars der Mut einzugreifen. Wie stehen Sie zur aktuellen Aufschlagregel?

Natürlich beschäftigen wir uns intensiv mit der Aufschlagregel: Trainer, Spieler, Verantwortliche und Schiedsrichter. Die neue Regel (nach Olympia 2008 in Kraft getreten, Anm. d. Red.) hat dazu beigetragen, dass der Verdeckungseffekt beim Aufschlag deutlich reduziert wurde. Aber es bleibt eben ein Problem, dass der Schiedsrichter eine andere Blickposition hat als der Rückschläger. Das macht die Beurteilung des regelgerechten Aufschlags für den Schiedsrichter sehr schwer. Wir haben im DTTB in Kooperation mit den Mitarbeitern des Olympiastützpunkts Hessen diesbezüglich intensive Aufschlaganalysen zur Schiedsrichterschulung erstellt. Diese Aufschlaganalysen, synchrone Aufnahmen aus Rückschläger- und Schiedsrichterposition, haben wir auch der ITTF zur Schulung internationaler Schiedsrichter zur Verfügung gestellt. Wir müssen sicherstellen, dass die Regel 1:1 umgesetzt wird, sonst macht die Regel keinen Sinn. Das ist der eine Punkt. Der andere ist der, darüber nachzudenken, was wir noch besser machen können, um den Aufschlag weiter zu entschärfen. Neben einem etwas höheren Anwurf, vielleicht 30 cm, gilt unser Hauptaugenmerk gilt dabei dem Ball. Folgende Situation spielt sich von der Kreisklasse bis zum Spitzenbereich immer wieder ab. Der Aufschläger schlägt auf, der Rückschläger macht einen direkten Fehler. Der Außenstehende kann nicht erkennen warum. Der Spieler manchmal auch nicht. Hat er den Aufschlag falsch gelesen oder hat er selbst mit zuviel Risiko gespielt. Wir glauben, dass es sinnvoll ist, die Rotation des Balles sichtbar zu machen. Sei es, dass der Ball Markierungen erhält, sei es, dass er zweifarbig ist. Wir führen hierzu bereits Tests durch. Wir denken auch darüber nach, ob es nicht doch auch sinnvoll sein kann, das Netz zu erhöhen. Wir werden das gemeinsam mit unseren Bundesligisten diskutieren und ebenfalls testen. Ziel aller Überlegungen muss sein, Tischtennis noch verständlicher und attraktiver zu machen. Für Aktive und Zuschauer.

Apropos Attraktivität: Tischtennis ist eigentlich ein sehr emotionaler Sport. Aber die Emotionalität wird auch hier durch Verhaltensregeln für den Coach stark eingeschränkt. Verschenken wir hier nicht publikumswirksame Aktionen?

Natürlich müssen wir über die Coachingrolle nachdenken. Und sicher auch über die Pausen, die verkürzt werden müssen und auch mit mehr Leben gefüllt wird, vielleicht auch durch erlaubtes Coaching zwischen den Ballwechseln, wie in anderen Sportarten. Ball, Netz und Coachingrolle sind Themen, die sehr genau untersucht werden müssen. Wir brauchen Erfahrungen und Rückmeldungen von Spielern, Trainern, Zuschauern und Medienvertretern, denn Schnellschüsse sind überhaupt nicht angebracht.

Im Fußball gibt es weltweit ein Mannschaftsspielsystem. Basta. Im Tischtennis gibt es eine Unmenge an Mannschaftsspielsystemen mit unterschiedlicher Spieleranzahl und unterschiedlichem Spielablauf, sowohl international, als auch national. Wäre es nicht toll, ein einheitliches Manschaftsspielsystem zumindest auf internationaler Ebene zu haben?

Das wäre wünschenswert, ist aber nicht realistisch, denn dafür sind die Interessen einfach zu unterschiedlich. Im Spitzenbereich gibt es das Centre-Court-Konzept, also alle Spiele auf einem Tisch für Zuschauer und Medien optimal zu präsentieren. Dazu werden in diesem Bereich vorwiegend 3er-Mannschaften aufgeboten. Ich denke an Olympia, Welt- und Kontinentalmeisterschaften, Champions League und Bundesliga. 3er-Mannschaften im Amateurbereich aus Gründen eines einheitlichen Spielsystems durchzusetzen, ist undenkbar. Erstrebenswert ist aber sehr wohl das Ziel, für 3er-, 4er- oder 6-er Teams ein jeweils einheitliches Spielsystem anzuwenden.

Sprechen wir von der nahen Zukunft. Anfang Mai stehen in Rotterdam die Einzel-Weltmeisterschaften an. Timo Boll, der in der Geschichte des DTTB erfolgreichste Spieler, führte von Januar bis März die Weltrangliste an. Jetzt rangiert er auf Platz 2. Er hat aber bei einer WM noch keine Medaille im Einzel gewonnen. Wie stehen seine Chancen in diesem Jahr?

Seine Ausgangsposition ist sehr gut, denn er ist gut vorbereitet. Seine ganze Konzentration liegt auf Rotterdam. Er hat dafür auch bewusst auf die Teilnahme an dem einen oder anderen Turnier verzichtet. Wenn er seine Vorbereitungen auch in den letzten tagen vor der WM so weiter betreiben kann wie bisher und weiterhin verletzungsfrei bleibt, kann er gegen die Besten der Welt bestehen. Natürlich ist das bei der Vielzahl der herausragenden asiatischen Spieler schwer. Aber er hat natürlich seine Chance, was er mit seinen guten Ergebnissen gegen die Chinesen in der jüngsten Vergangenheit auch zeigen konnte. Durch seine Weltranglistenposition hat er in der Setzliste eine gute Ausgangsposition. Ich traue ihm in Rotterdam eine WM-Medaille zu.

Das ist das Nahziel. Drücken wir Timo die Daumen. Wie steht es mit dem Fernziel Olympia 2012 in London? Dadurch, dass im Einzelwettbewerb nur noch zwei Spieler pro Nation starten dürfen, sind Timos Chancen auf Edelmetall im olympischen Einzel eigentlich größer als bei der WM, wo er im Extremfall drei oder vier Chinesen knacken muss.

Die ITTF hat diese Zulassungsregel bewusst aufgestellt, um zu vermeiden, dass drei Sportler aus einem Verband auf dem Treppchen stehen, oder gar sechs, wenn ich Damen und Herren zusammenzähle. China ist bei mehr als zwei zugelassenen Startern dazu durchaus in der Lage und hat das in der Vergangenheit ja auch oft genug unter beweis gestellt. Wenn Timo auch in London 2012 gesund und gut vorbereitet ist, wird er auch dort wieder seine Medaillenchance haben. Nicht zu vergessen der Mannschaftswettbewerb, den wir in Peking mit Silber abschlossen. Auch hier wollen wir wieder erfolgreich um eine Medaille spielen.

Lastet auf Timo nicht ein enormer Druck, denn in meinen Augen ist er momentan dereinzige Europäer, der die Chinesen schlagen kann? Auch unter den beiden anderen führenden asiatischen Tischtennisnationen Japan und Südkorea sind vielleicht nur drei oder vier Spieler dazu in der Lage.

Natürlich ist der Druck für ihn sehr hoch. Aber er hat sich den vergangenen Jahren zu einem hervorragenden und inzwischen auch sehr erfahrenen Turnierspieler entwickelt, der nur von Runde zu Runde denkt. Natürlich wäre es schön wenn es in Europa TOP FIVE-Spieler wie Timo gäbe, die sein Niveau hätten und damit den Chinesen mehr Druck machen könnten. Das würde natürlich auch das Wettkampfniveau in Europa deutlich erhöhen. Aber es ist es halt derzeit nicht so und damit muss man im Augenblick leben.

Gibt es etwas im Tischtennis, das sie stört oder ärgert und das Sie gerne verändern würden?

Leider erleben wir diesen fantastischen Sport häufig nur unter uns Tischtennisspielern. Ich würde mir wünschen, dass Tischtennis transparenter und von der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen und geschätzt wird. Dazu gehört natürlich auch, dass Tischtennis mehr gezeigt wird, vor allem im Fernsehen. Durch Timo Boll sind wir auf einem sehr guten Weg. Er ist einer der anerkanntesten Leistungssportler in Deutschland. Bei den vergangenen „Sportler des Jahres“-Wahlen wurde er jeweils Zweiter und auch in den Jahren davor hatte er bereits hervorragende Platzierungen. Aber als Sportart werden wir im Fernsehen zu wenig gezeigt und auch in den anderen Medien spielen wir nur eine Nebenrolle. Wir müssen die Faszination unserer Sportart den Fernsehzuschauern weltweit besser herüberbringen. Die Rasterung des Balles in Verbindung mit Slow-Motion-Kameras könnte dem Fersehzuschauer zum Beispiel die Rotation des Balles zeigen und damit eine häufige Fehlerursache beim Spiel plausibel machen. Dazu gehört natürlich auch ein fachkundiger Kommentator, der Tischtennis auch dem sportbegeisterten Laien verständlich und mit Begeisterung erklären kann.

Herr Schimmelpfennig, sie sprachen gerade von Faszination und wenn ich Ihnen so zugehört und dabei ihre Gestik und Mimik beobachtet habe, merke ich Ihnen die ganze Begeisterung für den Tischtennissport an. Was fasziniert Sie denn so sehr?

Dynamik, Komplexität, Schnelligkeit, taktisches Vermögen, manche sprechen von Blitz-Schach, das alles begeistert mich am Tischtennis. Dazu die technische Komplexität, Ballgefühl, Auge, Wahrnehmung, Gegnerbeobachtung in Verbindung mit athletischen Komponenten. Als Trainer im Leistungssport begeistert es mich, Limits auszuloten, das Maximum im entscheidenden Moment abzurufen, mit Menschen zu arbeiten, die dies auch wollen. Wenn es einem gelingt, dem Spieler dabei zu unterstützen, sein Maximum abzurufen, dann ist das schon ein tolles Gefühl. Zum Glück durfte ich schon öfter dieses Gefühl auskosten. Dafür bin ich sehr dankbar.

Herr Schimmelpfennig, zum Abschluss noch zwei Fragen, die in die Zukunft reichen. Wie sieht Tischtennis im Jahr 2020 aus?

Ich hoffe, wir schaffen es bis dahin, dass Tischtennis viel intensiver von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ich hoffe aber auch, dass Tischtennis als Breiten- und vor allem auch Alterssport weiter wächst. Gerade als Gesundheitssport, der bis ins hohe Alter betrieben werden kann, hat Tischtennis im Vergleich zu anderen renommierten Sportarten hervorragende Perspektiven.

Und wie entwickelt sich das Spiel auf höchstem Niveau?

Die Athletik wird eine noch größere Rolle spielen. Die Ballwechsel werden vielleicht zukünftig noch etwas länger. Dieser Trend ist übrigens schon jetzt zu beobachten. Beim letzten Europe Top 12-Turnier, stieg die durchschnittliche Zahl der Ballkontakte von 4,8 auf 5,6. Das ist schon ganz erheblich. Wenn es gelingt, die Fehlerquote bei Aufschlag-Rückschlag durch entsprechende Veränderungen weiter zu senken und dadurch die Ballwechsel zu verlängern, wären wir einen großen Schritt weiter.

(Ende der dreiteiligen Interviewserie)

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