31. Mai 2011

Interview mit DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig, Teil 2

01.04.2011 08:00

Interview mit DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig

Teil 2: "Insofern spreche ich von einem gelungenen Auftakt der Partnerschaft zwischen DTTB und Butterfly".

Herr Schimmelpfennig, wie ist die augenblickliche sportliche Situation bei den Nationalteams des DTTB: Herren, Damen, Nachwuchs?

Bei den Herren sind wir so gut aufgestellt wie nie zuvor. Wir haben fünf Spieler unter den ersten 25 der Weltrangliste und mit Timo Boll die aktuelle Nummer 1 der Welt. China ist natürlich die dominierende Nation, aber auch die anderen asiatischen Nationen wie Südkorea, Japan und Hongkong sind eine starke Konkurrenz für uns. Bei den letzten olympischen Spielen in Peking 2008 haben wir die Silbermedaille gewinnen können und nach heutigem Stand haben wir berechtigte Chancen, auch in London im nächsten Jahr mit unseren Herren wieder eine Medaille holen zu können. Das ist jedenfalls unser Ziel. Wenn man bedenkt, dass die ersten fünf Spielers unseres Kaders zwischen 22 und 29 Jahre alt sind, dann wird klar, dass das eine junge Truppe ist, mit der wir noch einige Zeit Spaß haben werden.

Also sehr gute Perspektiven für die Herren. Wie sieht es bei den Damen aus?

Nach den erfolgreichen Jahren unserer „Golden Girls“ Mitte bis Ende der 90er Jahre – wir sprachen ja bereits darüber – musste ein Umbruch vorgenommen werden. Wir haben auch deutlich umgestellt und nennen das „Offensive weiblich“. Wir betreiben wesentlich mehr Aufwand bei unseren Damen und haben das Training zentralisiert. Damen-Bundestrainer Jörg Bitzigeio hat seine Damen ständig hier in Düsseldorf im Deutschen Tischtennis-Zentrum (DTTZ) vor Ort. Nachdem die olympischen Spiele in Peking für unsere Damen recht enttäuschend verlaufen sind, mussten wir den Kurs ändern. Die Mannschafts-Weltmeisterschaft 2010 in Moskau hat dann aber gezeigt, wozu wir in der Lage sind, wenn alles rund läuft. Wir sind dort überraschend Dritter geworden. Auch unser weiblicher Nachwuchs ist recht gut aufgestellt. Wir haben einige Spielerinnen, die im U18-und U21-Bereich zur europäischen Spitze gehören. Mit diesen Spielerinnen wollen wir langfristig eine Mannschaft aufbauen, die zu Europas Spitze gehören und auch in der Welt konkurrenzfähig sein soll. Natürlich ist der Abstand zu den führenden asiatischen Damen-Tischtennisnationen groß, aber wir müssen uns der Aufgabe stellen und können den Abstand verkürzen.

Und was macht der männliche Nachwuchs? Die Ergebnisse bei der vergangenen Jugend-Europameisterschaft waren doch ordentlich.

Bei der Bewertung unserer Ergebnisse muss man etwas differenzieren. Patrick Franziska ist Jugend-Europameister geworden und hat zweimal das Europa-Top-10-Turnier der Jugend gewonnen. Bei den letzten beiden Jugend-Weltmeisterschaften haben wir zweimal in Folge Medaillen gewinnen können. Das schaffen nicht so viele europäische Tischtennisnationen. Denn die Asiaten sind auch im Nachwuchsbereich sehr dominierend. Patrick ist im Augenblick die Nummer 27 der U21-Weltrangliste und für ihn kommt jetzt sicherlich die schwierigste Phase seiner bisherigen Laufbahn, nämlich den Anschluss an den Spitzenbereich der Herren zu schaffen. Ihm ist das aber durchaus zuzutrauen. Bei der U18 sieht es schlechter aus. Unsere beste Platzierung ist in der Weltrangliste Rang 94. Dafür zeigt sich der U 15-Bereich wieder stärker. Wir haben im laufenden Olympiazyklus in der Talentsichtung und -förderung umgestellt und eine stärkere Wettkampforientierung eingebaut in Verbindung mit möglichst frühen internationalen Erfahrungen. Wir werden sehen, wie sich das Ganze langfristig bewährt. Aber augenblicklich zeigt es durchaus Erfolg und hat bereits einige starke Spieler hervorgebracht. Voraussetzung dafür ist natürlich eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Landesverbänden und ihren Trainern, den Heim- und Vatertrainern. Alle müssen an einem Strang ziehen. Diese komplexen Kooperationsstrukturen müssen weiter verbessert werden. Nur so kommen wir weiter.

Auf den Punkt gebracht: wie könnten die Ziele plakativ für die vier Nationalmannschaften zusammengefasst werden?

Die Herren weiter auf ihrem sehr hohem Niveau halten, Die Damen weiter steigern, bei den Jungen schon jetzt daran denken, dass es irgendwann eine Zeit nach Timo Boll geben wird, das gute Potenzial der Mädchen nutzen und sie weiter an die Damen-Nationalmannschaft heranführen.

Butterfly ist seit dem 1. Juli 2010 Ausrüster des DTTB. Natürlich geht es dabei auch um das „liebe“ Geld, aber an einen Ausrüster werden hinsichtlich des zur Verfügung gestellten Equipments auch hohe Erwartungen gestellt. Sind Sie als Sportdirketor mit Butterfly bisher zufrieden?

Wir arbeiten sehr eng zusammen. So haben wir die Kollektionen der Nationalmannschaften sehr frühzeitig zusammen entwickelt. Wünsche und Erfahrungen der Aktiven konnten in die Kollektion mit einfließen. Das ist sehr wichtig, denn wenn Spieler nicht zufrieden mit ihrer Kleidung sind, birgt das Konfliktpotenzial. Hier sind beide Parteien zufrieden. Insofern spreche ich von einem gelungenen Auftakt der Partnerschaft zwischen DTTB und Butterfly.

Zumal ja auch eine Reihe von Nationalspielern wie Timo Boll, Bastian Steger, Patrick Franziska, Ruwen Filus, um nur einige zu nennen, Butterfly-Vertragsspieler sind. Aber kommen wir auf einen anderen Punkt zu sprechen, der im Tischtennis in den vergangenen zwei Jahren zu vielen Problemen geführt hat und immer noch führt: das Material. Nach dem Verbot des Frischklebens nach der Olympiade 2008 in Peking, kam ein Jahr später das Verbot von Belagboostern und -tunern. Das Problem dabei, diese Substanzen sind geundheitlich unbedenklich. So können sie auch kaum nachgewiesen werden. Ein Booster ist eine ölhaltige Flüssigkeit, die den Schwamm „aufbläht“ und damit katapultfähiger macht, ohe für schädliche Schadstoffe zu sorgen. Babyöl soll sich als Booster eignen. Der ebenfalls ölhaltige Tuner führt zu einer erhöhten, lang anhaltenden Griffigkeit der Belagoberfläche. Wie stehen Sie zu dieser Problematik, die nach wir vor bei den Aktiven für Unruhe sorgt?

In der Tat sind wir durch die Entscheidung der ITTF in eine Situation geraten, dass die neue Regel nur schwer umzusetzen und zu kontrollieren war. Es ging beim Klebeverbot zunächst darum, die gesundheitsschädlichen Lösungsmittel aus unseren Belagklebern und damit aus unserem Sport herauszubringen, um damit zu verdeutlichen, dass Gifte in unserem Sport keine Rolle spielen. Das war auch völlig in Ordnung. Dann hat die ITTF diese Regel aber noch verschärft und gesagt, dass Beläge überhaupt nicht manipuliert werden dürften. Damit kam man in einen Bereich, der noch schwerer zu bewerten und zu kontrollieren war. Das hat dann dazu geführt, dass die Racket Control verschiedene Aspekte untersuchte, was zu nicht selten zu großen Überraschungen führte. Auf internationaler Ebene ist mittlerweile den Spielern klar, was sie dürfen und was sie nicht dürfen, sodass die Zahl der Regelverstöße deutlich zurückgegangen ist. Auf regionaler Ebene gibt es aber große Probleme, denn viele Spieler wissen nicht, worauf sie im Vorfeld eines Turniers mit Racket Control achten müssen. So muss etwa ein neuer Belag mindestens 72 Stunden belüftet sein, damit die Lösungsmittel verfliegen. Denn Schwamm und Belaggummi werden nach wie vor mit lösungsmittelhaltigen Klebern verklebt. Spieler und Trainer müssen also genau informiert und aufgeklärt werden, damit sie bei der Racket Control keine böse Überraschung erleben.

In letzter Zeit mehren sich die Stimmen, dass beim Schlägerholz mehr Hightec zugelassen werden sollte, also beim Schlägerbau mehr künstliche Werkstoffe wie z.B. Carbon verwandt werden dürfen. Dies könne zu neuen Effekten führen. Im Tennis gibt es auch schon seit vielen Jahren keine Holzschläger mehr. Welche Rolle spielt die Holzentwicklung?

Grundsätzlich muss das Material immer weiter entwickelt werden. Natürlich nicht nur die Beläge, auch das Holz spielt eine große Rolle. Beim Holz sind die Spieler jedoch sehr sensibel. Denn über das Holz geht sehr viel Gefühl in die Hand. Und deswegen spielen viele Topleute seit vielen, vielen Jahren mit ein und demselben Holz. Die Frage, die sich grundsätzlich bei derartigen Überlegungen stellt und die auch bei uns intern im DTTB intensiv diskutiert wird, heißt: Wo soll es mit unserem Sport hingehen? Wie wird Tischtennis attraktiver? Geht es dabei um eine bessere Dynamik? Geht es darum, dass der Zuschauer besser die Athletik sehen kann. Stimmt das Verhältnis von Pause und Aktion in unserem Sport? Natürlich müssen wir diese Fragen und viele mehr offen diskutieren und neue Wege zur Steigerung der Attraktivität unseres Sports suchen. Aber das Ganze aller Entscheidungen muss stimmig sein. Und so müssen die Materialentwicklung und die sie bestimmenden Regeln immer auch ganzheitlich im Sinne einer sinnvollen Weiternetwicklung unseres Sports gesehen werden.

Über die Attraktivitätssteigerung unseres Sports gibt und gab es immer sehr unterschiedliche Vorstellungen. Ich denke nur an die seinerzeit revolutionäre Einführung des 40-mm-Balls und der 11er-Zählweise, was seinerzeit vornehmlich auf den unermüdlichen und schon fast messianischen Einsatz von ITTF-Präsident Adham Sharara zurückzuführen ist. Was haben diese beiden Regeländerungen aus der saison 2001/02 letztlich gebracht?

Die Effekte des großen Balls spürt man meines Erachtens etwas weniger. Der Idee, durch den größeren Ball das Spiel etwas langsamer zu machen, hat man dadurch entgegengewirkt, das der Balltreffpunkt näher zum Tisch verlagert wurde. Dadurch ist das Spiel sicher nicht langsamer geworden. Aber der Ball ist für die Zuschauer besser sichtbar. Insofern war diese Regeländerung sicher nicht schlecht. Das Spiel bis 11 war hingegen eine fantastische Idee. Wir haben viel mehr Entscheidungssituationen. Dadurch ist das Spannungsmoment für Spieler und Zuschauer enorm gestiegen. Viele sind seinerzeit gerade gegen diese Regel Sturm gelaufen. Heute trauert fast niemand mehr der 21er-Regel nach. Daran sieht man, dass es sich auch lohnen kann, konservative, in Traditionen verhaftete Denkweisen zu überwinden.

(In der kommenden Butterfly-News-Ausgabe wird der 3. und letzte Teil dieses Interviews veröffentlicht.)

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