31. Mai 2011

Individual - Weltmeisterschaften in Rotterdam (8.-15. Mai)

01.05.2011 14:28

Individual-Weltmeisterschaften in
Rotterdam (8.-15. Mai)

Timo Bolls konzentrierter Anlauf auf die heiß ersehnte WM-Einzelmedaille

Misst man Timo Bolls Chancen auf eine Medaille bei den Weltmeisterschaften in Rotterdam (8.-15. Mai) am Faktor Zielorientiertheit, Deutschlands Superstar würde sich in den Niederlanden sorgenfrei auf das erste WM-Edelmetall seiner Karriere zubewegen. Wohl nie zuvor war der weltweit prominenteste Butterflypartner auf einen Platz auf dem Siegerpodest so fokussiert wie 2011, doch der 30-Jährige weiß aus bislang sechs vergeblichen Anläufen bei globalen Einzel-Titelkämpfen vor allem um die Unsicherheitsfaktoren Auslosung und Tagesform: „Erzwingen kann man eine Medaille nicht, weil die Konkurrenz sehr stark ist. Auch für mich muss schon vieles zusammenpassen an den WM-Tagen.“

Schmerzhafte WM-Erfahrungen als Grundstein für den Erfolg

Wie wichtig das Zusammenspiel aller Komponenten ist, das belegen die teilweise schmerzhaften Erinnerungen an die letzten vier Individual-Weltmeisterschaften. 2003 in Paris, als Österreichs Schmetterling Werner Schlager sensationell zum Titelgewinn flog, beendete ein bis dato unbekannter Chinese namens Qiu Yike in Runde zwei die Medaillenhoffnungen des als Nummer eins der Welt angereisten Deutschen – er wirkte damals mental ausgepowert und körperlich müde. Zwei Jahre später in Shanghai gewann Timo Boll nach dem Achtelfinalspiel gegen Liu Guozheng (China) zwar den World Fair Play Award, aber kein Edelmetall, als er beim Stand von 13:12 im entscheidenden siebten Satz eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters zu seinen Ungunsten korrigierte und einen Kantenball seines Gegners zugab – das notwendige Quäntchen Glück des Tüchtigen hatte der Düsseldorfer anschließend nicht auf seiner Seite. In Zagreb 2007 war es eben jene Unwägbarkeit des Augenblicks, als im Viertelfinale eine herbe 0:4-Niederlage gegen seinen südkoreanischen Butterfly-Kollegen Ryu Seung Min Bolls Medaillenträume erneut platzen ließen – nie zuvor (und nie danach) hatte der Europameister eine Niederlage gegen den Olympiasieger von Athen hinnehmen müssen. 2009 in Yokohama war es dann wie schon ein Jahr zuvor bei der Mannschafts-WM in Guangzhou eine Verletzung, die Bolls Angriff auf die längst verdiente Einzelmedaille verhinderte – der bei vielen Terminen strapazierte Körper verweigerte seinen Dienst zur Unzeit.

Neue Strategie für das „Unternehmen Medaille 2011“

Vier Beispiele, die zusammen mit dem Nachdruck des Bundestrainers Jörg Roßkopf dazu führten, dass sich der derzeitige Weltranglisten-Zweite für das „Unternehmen Medaille 2011“ einer neuen Strategie unterwarf. Zugunsten eines ganz auf die WM abgestimmten Trainings- und Körperaufbaus reduzierte Boll seinen Terminplan drastisch, wie Startverzichte auf das hochdotierte Pro Tour Grand Final, das Europe Top 12 und die Deutschen Meisterschaften sowie ein gestrafftes Pro-Tour-Programm deutlich machten. Darüber hinaus entschied der Linkshänder, in Rotterdam erstmals nicht im Doppel-Wettbewerb anzutreten, obwohl er zusammen mit seinem Partner Christian Süß vom Butterflyklub Borussia Düsseldorf zu den wenigen Goldmedaillenkandidaten gehört hätte. „Spiele auf höchstem Niveau kosten schon viel Kraft“, erläutert Boll, „wenn man weit kommt, braucht man viel Energie. Ich wollte nicht das Risiko eingehen, ein bis zwei Prozent liegenzulassen, wenn ich um eine Medaille im Einzel mitspielen möchte.“ Die volle Konzentration auf Edelmetall 2011 soll dennoch nicht zu einer psychischen Belastung werden. Boll: „Ich versuche, mich nicht verrückt machen zu lassen wegen einer Medaille. Die WM gehe ich so an, wie jedes Turnier: Ich muss von Runde zu Runde kämpfen und hoffen, dass es am Ende zu einer Medaille reicht. Das ist das große Ziel.“

Weltranglistenplatz zwei als gutes Omen für Timo Boll

Timo Boll sammelte in seiner vielleicht zielorientiertesten Saison auf dem Weg nach Rotterdam ausreichend Selbstvertrauen. So triumphierte der zweimalige World-Cup-Gewinner beispielsweise Anfang Dezember eindrucksvoll beim Volkswagen Cup in Braunschweig. Mit seinem Finalerfolg über Olympiasieger Ma Lin (China), den er drei Monate später auch im Halbfinale der German Open in Dortmund bezwang, katapultierte sich der Deutsche im Januar 2011 erstmals seit dem Jahr 2003 wieder zurück an die Position eins der Weltrangliste. Euphoriedämpfer galt es jedoch auch zu verkraften, als der bis dahin in Champions League und DTTL ungeschlagene Supertechniker im April mit Chen Weixing (SVS Niederösterreich) und dem für Grenzau spielenden Schmetterling Robert Gardos vollkommen überraschend zwei Österreichern unterlag, die gewöhnlich nicht zu seinen ernsthaftesten Widersachern zählen. Doch der von allen Experten als ernsthaftester Herausforderer der Chinesen eingestufte Boll will Niederlagen ebenso wie Siege im Vorfeld der WM nicht all zu hoch aufgehängt wissen: „Momentan haben wir alle die WM im Kopf. Das Training dafür ist sehr hart, die Vorbereitung zielt derzeit nur auf diesen Saisonhöhepunkt hin. Daher kann auch schon einmal etwas die Frische fehlen.“ Mit der Tatsache, zudem die Führung in der Weltrangliste seit April wieder an Weltmeister Wang Hao abgegeben zu haben, kann der Medaillenaspirant überaus gut leben. „Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber 2003 bin ich als Nummer eins nach Paris gefahren. Damals haben mir Leute gesagt, dass es ein schlechtes Omen gewesen sei, vor der WM die Nummer eins gewesen zu sein. Wenn das ein schlechtes Omen war, dann ist es vielleicht ja ein gutes, als Nummer zwei anzureisen“, lächelt Boll.

Medaillenkonkurrenten vor allem aus dem Reich der Mitte

Seine ärgsten Konkurrenten um Gold, Silber und Bronze kommen erwartungsgemäß aus dem Reich der Mitte, das mit Titelverteidiger Wang Hao, Olympiasieger Ma Lin und einem weiteren Butterfly-Partner, German-Open-Gewinner Zhang Jike, die übrigen drei Topgesetzten stellt. Im Kampf um eine Medaille könnte Boll allerdings schon in der Runde der besten Acht in Gestalt von Ma Long oder Xu Xin vor einer überaus hohen chinesischen Hürden stehen, doch auch Japans Butterflystar Jun Mizutani oder Europas Nummer zwei Vladimir Samsonov (Weißrussland) könnten Bolls Gegner werden. Das Feld der Medaillenaspiranten ist noch wesentlich umfangreicher, dazu gehören von den insgesamt 133 in Rotterdam vertretenen Butterflyspielern auch die drei südkoreanischen Schmetterlinge Joo Se Hyuk, Ryu Seung Min und Oh Sang Eun, die allesamt bereits bei vergangenen Titelkämpfen jenes begehrte Edelmetall sammelten, auf das Timo Boll so konzentriert hin arbeitet. Europa bringt außer seinem Superstar Boll diesmal nur wenige Butterfly-Partner an den Start, die in Rotterdam im erweiterten Vorderfeld landen könnten, darunter Europe-Top-12-Gewinner Kalinikos Kreanga (Griechenland), vor acht Jahren in Paris Gewinner einer Bronzemedaille, und Deutschlands Grand-Final-Zweiter von 2010, Bastian Steger. Gesundheitliche Gründe zwangen hingegen zwei ehemals hoch dekorierte Athleten des alten Kontinents zur Absage. Der 29-jährige Däne Michael Maze, Europameister von Stuttgart 2009 und WM-Bronzemedaillengewinner von Shanghai 2005, sieht sich nach seiner Operation am Knorpel des rechten Kniegelenks im vergangenen September noch nicht zu einem WM-Start in der Lage: „Die Schmerzen sind zu stark, und ich kann immer noch nicht in die Knie gehen. Es dauert vielleicht noch ein bis zwei Monate, bis ich wieder trainieren kann." Österreichs mittlerweile 38-jähriger Ex-Weltmeister Werner Schlager verzichtet auf einen Start, nachdem ihn eine Nervenentzündung im Nackenbereich über mehrere Wochen außer Gefecht gesetzt hatte: "Ich konnte wochenlang leider nicht trainieren, und es entspricht nicht meinem sportlichen Anspruch, bei einer WM einfach nur dabei zu sein."

Liu Shiwen als Medaillenhoffnung der weiblichen Schmetterlinge

Bei den Damen ist der Kreis der medaillenorientierten Schmetterlinge wesentlich kleiner. Aussichtsreichste Athletin ist die kleine Chinesin Liu Shiwen, die hinter vier weiteren Spielerinnen aus dem Reich der Mitte an Position fünf gesetzt sein wird. Eine neue Weltmeisterin wird es in Rotterdam in jedem Falle geben, nachdem der langjährige Butterflystar Zhang Yining inzwischen seine Karriere beendete. Topgesetzt ist diesmal die Weltranglisten-Erste Li Xiaoxia, die sich zusammen mit Liu Shiwen und ihren Nationalmannschaftskolleginnen für die Schmach der finalen Niederlage Chinas bei der Team-WM 2010 gegen Singapur rehabilitieren will. Aus dem Kreis der Butterflypartner hoffen die Hongkong-Chinesinnen Tie Yana und Jiang Huajun sowie die Mannschafts-Weltmeisterinnen Sun Beibei und Yu Mengyu zumindest auf ein Vordringen in Medaillennähe. Beste Europäerinnen im Tamasu-Trikot sind in Rotterdam Shen Yanfei (Spanien), die in dieser Saison in der Pro Tour für überraschende Ergebnisse sorgte, Europameisterin Viktoria Pavlovich (Weißrussland) und Rumäniens Talent Daniela Dodean.

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