31. Mai 2011

„Gegen Zhang Jike muss ich den Kopf einschalten und clever spielen“

14.05.2011 20:45

"Gegen Zhang Jike muss ich den Kopf einschalten und clever spielen"

Timo schreibt mit seinem Halbfinaleinzug in Rotterdam deutsche Tischtennisgeschichte:



Dass Timo seinen chinesischen Gener Chen Qi, Nr. 12 der Welt, beim 4:1-Sieg so dominierte, damit war wirklich nicht zu rechnen. Der beste Europäer drang furchtlos und entschlossen in das chinesische Bollwerk ein. Morgen trifft der Weltranglistenzweite auf einen der derzeit stärksten Chinesen: Zhang Jike, Nr. 3 der Welt und wie Timo ein Butterfly-Star. Damit steht ein Butterfly-Butterfly schon jetzt mit einem Bein im Herren-Finale der diesjährigen WM.
Die Begeisterung in der AHOY-Arena kannte bei Timos Sieg keine Grenzen: eine La Ola- Welle nach der anderen. Mit dem 30-Jährigen trat die letzte Hoffnung Europas im Kampf um eine WM-Medaille bei den Herren an. Diese Hoffnung wurde von den 8000 Zuschauern frenetisch unterstützt. Mit seinem Sieg gegen Chen Qi schrieb Timo deutsche Tischtennisgeschichte, denn Eberhard Schöler war 1969 der letzte deutsche Spieler der bei einer Einzel-WM mit seinem 2. Platz bei der WM 1969 in München eine Einzelmedaille gewann.

Butterfly gratuliert dir ganz herzlich zum Einzug ins Halbfinale der WM 2011. Die lang ersehnte Einzelmedaille ist jetzt da. Wie groß ist die Erleichterung?

Natürlich sehr groß. Man hat mir bestimmt meine große Freude nach dem Matchball ansehen können. Aber es muss jetzt weitergehen. Die Anspannung darf jetzt nicht zu weit runtergehen, im Moment bin ich natürlich sehr glücklich.

Du hast das Spiel gegen Chen Qi bis auf den 2. Satz eigentlich durchweg dominiert und klar mit 4:1 gewonnen. Dabei waren die letzten Vergleiche mit dem Chinesen doch recht knapp. Wie ist das Spiel aus deiner Sicht gelaufen?

Meine Stärke bei diesem Turnier war, dass ich bei jedem Spiel genau auf den Punkt mental gut war, taktisch gut gespielt habe, und auch meine Konzentration war optimal. Ich habe nur sehr wenige einfache Fehler gemacht und habe bisher ein sehr solides Tischtennis gespielt. Hinzu kommt, dass ich mich gut bewege und fit bin. Dazu habe ich eine gewisse Lockerheit und keine Torschlusspanik. Einige haben mich im Vorfeld der WM schon als alt bezeichnet und hier meine letzte Chance auf eine WM-Medaille gesehen. Da musste ich ein gewisses Maß an Ruhe finden. Der Wechsel von Anspannung und Lockerheit ist dabei sehr wichtig. Das ist mir bisher gelungen und so spiele einfach ein gutes Turnier.

Was war denn genau der Schlüssel zum Sieg?

Ich habe seine Aufschläge sehr gut bekommen und gute Returns gespielt. Ich habe nur ganz wenige kleine Fehler gemacht und ihn mit seiner starken Vorhand nicht ins Spiel kommen lassen.

Wenn man die Zuschauer in der Halle erlebt hat, habe ich das Gefühl, dass ganz Holland hinter Timo Boll steht.

Klar, die Zuschauer haben auf dieses Spiel gewartet. Ich habe aber auch viele deutsche Fahnen und Trikots gesehen. Die ganzen chinesischen Duelle waren für die Fans nicht so emotional. Die Zuschauer waren froh, dass sie bei meinem Spiel aus sich herausgehen konnten, und ich natürlich auch, dass so eine tolle Stimmung in der Halle war. Die Zuschauer haben mich sehr unterstützt und mir die nötige Hilfe gegeben. Vielleicht war Chen Qi dadurch auch etwas eingeschüchtert.

Wünscht du dir diesen Support morgen gegen Zhang Jike wieder?

Na klar, ich kann jede Form von Support gebrauchen. Ich denke schon, dass das ein Heimspiel für mich wird und der zwölfte Mann auf meiner Seite ist. Aber ich muss verdammt gut gegen Zhang Jike spielen. Die letzten beiden Male habe ich gegen ihn recht klar verloren. Aber ich habe ihn in dieser Saison auch schon einmal bei den Quatar Open geschlagen. Dieses Spiel werde ich mir anschauen, damit ich sehe, was ich da gut gemacht habe. Dann finde ich die richtige Lösung für das morgige Spiel. Es wird darauf ankommen, die richtige Balance zu finden: nicht zu überpowern und überlegt zu spielen. Die mögliche Euphorie der Zuschauer darf ich nicht in Schlaghärte umsetzen, sondern ich muss den Kopf einschalten und clever spielen, so wie ich es heute gemacht habe.

Was sind seine besonderen Stärken?

Er ist einfach komplett, spielt sehr gute Aufschlagreturns, hat eine enorm starke Rückhand und seine Vorhand ist extrem druckvoll. Nur mit der Vorhand überpowert er manchmal, aber das ist eigentlich keine Schwäche.

Der letzte Vergleich gegen Zhang war vor zwei Monaten bei den German Open in Dortmund im Halbfinale. Dieses Spiel hast du recht deutlich verloren, nachdem du zuvor mit Hao Shuai und Ma Lin zwei Chinesen ausgeschaltet hattes. Fühlst du dich im Augenblick fitter als in Dortmund?

Wir haben sogar später beim Euro-Asia-Vergleich noch mal gegeneinander gespielt. Da war es wesentlich knapper. Aber wie gesagt, ich bin hier in guter Form und ich hoffe, dass er auch ein bisschen Nerven zeigt. Zhang Jike hat insgesamt eine sehr gute Saison gespielt, steht in der Weltrangliste einen Platz hinter mir und ist in der Form bei den German Open sehr schwer zu schlagen. Aber ich werde mein Bestes geben und ihm es bestimmt nicht so einfach machen wie bei den letzten beiden Malen. Ich werde kämpfen. Schließlich bin ich zum Gewinnen hier. Er steht auch zum ersten Mal in einem WM-Halbfinale und damit hat er sicher auch genug Druck.

Wenn ich in dein Gesicht schaue stellt sich zum Abschluss die Frage: Wer sich rasiert, verliert? (Timo hat sich seit Beginn der WM nicht mehr rasiert, Anm. d. Red.)

Vielleicht schon. Aber mein Bartwuchs ist ja nicht so stark. Wenn es nicht stark zu jucken anfängt, werde ich bestimmt mit Bart antreten.

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