Boll-Werk gegen Große Mauer

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Nur Sekunden dauert es, bis sich auf Chinas Straßen Menschentrauben um ihn bilden. Denn Timo Boll ist der Lieblingsgegner der Chinesen, immer wieder besiegt er sie in ihrem Nationalsport Tischtennis. So wie Hochbegabte Schulklassen überspringen, gelten für Boll im Tischtennis keine Altersklassen: Mit 11 Jahren spielte er bei den Erwachsenen, mit 15 wurde er zum jüngsten Bundesligaspieler, und als erster Deutscher eroberte er den Gipfel der Weltrangliste. Sein Name steht auch für Fair Play. Nicht nur in Deutschland wird ihm dafür großer Respekt entgegengebracht."

Genialität im Schlafanzug, bescheidene Persönlichkeit und gefährlicher Staatsfeind

Diese Zeilen des Berliner Sportjournalisten Friedhard Teuffel, nachzulesen auf dem Umschlag seines 2011 erschienenen Buches "Timo Boll: Mein China" (Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf) beschreiben kurz und prägnant das Außergewöhnliche, das den Tischtennisspieler Boll umgibt und ihn von seinen Berufskollegen unterscheidet. Der bescheidene Hesse ist selbstbewusst, Aufheben um seine Person macht und mag er jedoch nicht. Der Spitzenspieler des Butterfly-Klubs Borussia Düsseldorf erklärt sein besondere Begabung, die ihm selbst nach langen Verletzungspausen immer wieder den Weg zurück an die Weltspitze ebnete, auf ungewöhnliche Art und Weise: "Ich habe Tischtennis mit der Zeit verstanden."

Verstanden hat Timo Boll schon früh. Bereits in seinem vierten Lebensjahr begann er, im heimischen Keller im beschaulichen Höchst im Odenwald seinem Vater die Bälle im Schlafanzug Abend für Abend vor dem Zubettgehen mit einer Genialität um die Ohren zu schlagen, die Wolfgang Boll von der Notwendigkeit überzeugten, seinen Sprössling bald Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr 120 km zum Stützpunkttraining zu fahren. Zu Helmut Hampel, jenem hessischen Verbandstrainer, dem zu Recht der Ruf vorauseilt, einer der versiertesten Talentförderer Deutschlands zu sein. 27 Jahre später liest sich die Erfolgsgeschichte atemberaubend: Boll ist Deutschlands bester und prominentester Spieler aller Zeiten, ist WM-Dritter, Rekordeuropameister, zweifacher Weltpokalsieger, mit der Nationalmannschaft bei Olympischen Spielen sowie Weltmeisterschaften mit Silber dekoriert und der einzig ernsthafte Herausforderer der Supermacht China. Deren Cheftrainer Liu Guoliang "apostrophiert" den besten Nichtchinesen der Welt gelegentlich respektvoll auch als "Staatsfeind". Ein Boll-Werk allein gegen die Große Mauer. Das führte zu immenser Popularität im Reich der Mitte, aber auch in Deutschland. Bei einem Votum in China über den attraktivsten ausländischen Sportler ließ er sogar Stilikone David Beckham hinter sich, bei der Wahl der Sportjournalisten zum 'Sportler des Jahres' landete er insgesamt dreimal auf Platz zwei, er ist Gewinner eines 'Bambis der Kategorie Sport' und besitzt den Fair-Play-Preis des Bundesinnenministeriums ebenso wie das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland.

Tischtennis ist in der Freizeit tabu, aber Ausnahmen bestätigen die Regel

Bitte man Boll darum, seine wichtigsten Eigenschaften als Spieler in wenigen Worten zusammenzufassen, so nennt er diese: "Spielwitz, Konzentrationsfähigkeit, Antizipation, Ballgefühl und Stabilität." Asiens Asse, denen er in der Vergangenheit wiederholt Platz 1 in der Weltrangliste streitig machte, können das bestätigen. Kein anderer Nichtchinese kann selbst die schnellsten Bälle der Besten unter den Besten so genau retournieren, kann so konstant Löcher in die Große Mauer reißen, kann dem Ball eine solch starke Rotation geben wie er. Nur wenige verfügen über seine Unterarmbeschleunigung und wohl niemand konkurriert mit seinem Auge und seiner Intuition, vor allem in entscheidenden Matchphasen. Doch so spektakulär Boll im Alltag seiner Arbeit nachgeht, so reserviert sucht er im Privatleben nach Unauffälligkeit. Ruhe und Ausgeglichenheit findet der Liebhaber von Thüringer Bratwurst und Pekingente vor allem in seinem Heimatort Höchst, wo er mit seiner Ehefrau Rodelia und Terrierhündin Carry in der Nähe seines Elternhauses lebt. "Ich bin ein bodenständiger Typ", sagt Boll, der in seiner Freizeit auch mit dem Golfschläger eine gute Figur macht. Nur ein Thema ist Tabu, wenn er die Halle verlässt: "Privat rede ich normalerweise null über Tischtennis. Ich nutze die wenige freie Zeit, um möglichst viel mit meiner Frau zusammen zu sein. Außerdem bin ein Technik-Freak, gehe gern mit dem Handy ins Internet, schaue in meinem Heimkino einen guten Film. Das entspannt mich." Nur einmal in der jüngeren Vergangenheit brach Boll das selbst auferlegte Tabu: Nach dem Einzug in das Halbfinale der Weltmeisterschaften 2011, der die über viele Jahre hinweg erstrebte WM-Medaille bedeutete, beherrschte die Freude über Erreichte noch Stunden später die Emotionen von Timo und Rodelia Boll.

Keine Angst vor China

Wenngleich der Solist Boll nicht verhehlt, dass mit dem Gewinn der WM-Medaille im Einzel "eine große Last" von seinen Schultern abgefallen sei, als noch beindruckerenden Karrierehöhepunkt bezeichnet er einen Erfolg mit der deutschen Nationalmannschaft aus dem Jahre 2008: "Der Gewinn der olympischen Silbermedaille in Peking, das war bislang das größte Erlebnis für mich." 2012 braucht sich Boll über einen Mangel an Gelegenheiten für weitere historische Erfolge keine Sorgen zu machen. In wenigen Tagen bereits geht er mit der DTTB-Auswahl bei den Weltmeisterschaften in Dortmund auf Medaillenjagd, Ende Juli folgen die Olympischen Spiele in London. Bei beiden Turnieren greift Boll nach Edelmetall und verschweigt nicht: "Eine Einzelmedaille bei Olympischen Spielen, das ist ein großes Ziel, dass ich noch realisieren will." Boll wäre aber nicht Boll, würde er nicht relativierend hinzufügen: " Ich werde mich einfach so gut wie möglich auf beide Veranstaltungen vorbereiten und schauen, was am Ende herausspringt. Mehr ging dann halt nicht." Mit der gleichen inneren Ausgeglichenheit lässt er die WM in Dortmund auf sich und seine Kollegen zukommen: "Wir respektieren jeden, aber Angst haben wir vor keinem." Auch nicht vor China.


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