Dirk Schimmelpfennig

„Schmetterlings-Team auch für die nächsten Jahre gut aufgestellt“

Seit 1991 ist Dirk Schimmelpfennig für den DTTB national und international im Einsatz. Als Damen-Bundestrainer, Herren-Bundestrainer, Cheftrainer und heute als Sportdirektor hat der Kölner maßgeblich die erfolgreiche Leistungssport-Struktur des DTTB entwickelt und beeinflusst. Im Gespräch mit der Butterfly-Community stand Butterfly-Partner Dirk Schimmelpfennig zur Ist-Situation im deutschen und internationalen Tischtennissport Rede und Antwort.

Butterfly: Herr Schimmelpfennig, die deutsche Herren-Nationalmannschaft hat seit vier Jahren die Goldmedaille bei Europameisterschaften abonniert, und ein Ende scheint nicht in Sicht. Hat das DTTB-Team in Europa derzeit keine adäquate Konkurrenz?

Schimmelpfennig: „Die aktuellen Leistungen und Ergebnisse bei den Europameisterschaften in Ostrava haben gezeigt, dass wir derzeit Europa im Herrentischtennis dominieren. Timo Boll ist der derzeit beste Spieler Europas, das Doppel Boll/Süss ist in Europa seit einigen Jahren führend und unsere Herrenmannschaft ist sicher für jede Nation schwer zu schlagen. Wir sind insgesamt sehr spielstark und mit unserem Schmetterlingsteam auch für die kommenden Jahre gut aufgestellt. Aber nicht nur in Vladimir Samsonov und Michael Maze sehe ich Spieler, die fraglos bisher ernsthafte Konkurrenten waren und auch weiterhin sein werden. Die französischen Herren haben bei den Europameisterschaften ihre positive Gesamtentwicklung im Aufbau einer neuen Herrengeneration unter Beweis gestellt. Auch wenn sich in Europa insgesamt zu wenig bewegt, wäre es deshalb vermessen und unrealistisch zu behaupten, dass wir in Europa konkurrenzlos wären.“

Butterfly: Was ist das Geheimnis der Stärke der deutschen Schmetterlinge, die in den Medien gerne die "Chinesen Europas" genannt werden?

Schimmelpfennig: „Unsere Spieler haben sich diese Leistungsstärke mit ihren Trainern unter den guten Trainings- und Wettkampfbedingungen einer effektiven Leistungssportstruktur in Deutschland in vielen Jahren gemeinsam erarbeitet. Wir haben nun sehr starke, aber auch sehr ehrgeizige und entwicklungsfähige Spieler, die sich mit den besten Asiaten der Welt erfolgreich messen wollen. Die Dominanz der Chinesen im Welttischtennis führe ich unter anderem auch auf das hohe Trainings- und Wettkampfniveau im eigenen Land zurück. In ähnlicher Weise profitieren wir vom Niveau unserer Bedingungen im europäischen Vergleich. Um nicht nur konkurrenzfähig, sondern auch erfolgreich gegen die Asiaten sein zu können, müssen wir unsere guten Trainingsbedingungen aber ständig weiterentwickeln.“

Butterfly: Wenn man sich die derzeitige Situation anschaut, dann ist erkennbar, dass die Entwicklung Deutschlands kontinuierlich positiv ist. Alle Spieler hinter Ausnahmesportler Timo Boll entwickeln sich stetig weiter, auch bei den Damen sind die Leistungssteigerungen sichtbar und in Ergebnissen ablesbar.

Schimmelpfennig: „Die deutschen Damen haben in den letzten Jahren auch sehr hart an sich gearbeitet und sich so folgerichtig auch verbessert. Um aber stabil international erfolgreich sein zu können, müssen wir in entscheidenden Momenten im Wettkampf unsere Möglichkeiten noch besser abrufen und unser Potenzial insgesamt vor allem weiter steigern. Wir sind in der Spitze bei den Damen natürlich nicht so leistungsstark und breit aufgestellt wie bei den Herren. Dennoch sehe ich einige, auch jüngere Spielerinnen, die gute internationale Perspektiven haben. Zukünftige internationale Erfolge müssen aber so konsequent und intensiv erarbeitet werden, wie dies unsere Herren über viele, viele Jahre hinweg getan haben.“

Butterfly: Sie tragen heute als Sportdirektor die Verantwortung für die Trainingsstruktur und -kultur im DTTB, haben diese zudem auch über viele Jahre hinweg seit 1991 als Damen-Bundestrainer, Herren-Bundestrainer und Cheftrainer selbst entwickelt. Was macht Deutschland besser als die Konkurrenz?

Schimmelpfennig: „Wir haben zunächst einmal deutlich bessere Bedingungen als die meisten unserer europäischen Konkurrenten. Zudem nutzen wir seit einigen Jahren diese Möglichkeiten mit vielen Spielerinnen, Spielern und guten Trainerinnen und Trainern beim DTTB, den Verbänden und Vereinen sehr zielgerichtet, konsequent und effektiv.“

Butterfly: Bezogen auf Europa überkommt einen leider das Gefühl, dass die überragende Stärke der Deutschen noch dadurch intensiviert wird, dass bei den bisherigen Konkurrenten, also den traditionell großen Nationen, eher Stillstand als Entwicklung herrscht. Dafür ist zu beobachten, dass kleinere und früher unbedeutende Verbände heute konkurrenzfähiger sind als noch vor wenigen Jahren. Wie würden Sie in einigen kurzen Sätzen den allgemeinen Ist-Zustand Europas beschreiben?

Schimmelpfennig: „Einige traditionell immer sehr spielstarke, osteuropäische Verbände haben, auch aufgrund verschlechterter Gesamtbedingungen in neuen Leistungssportstrukturen, insgesamt etwas an Niveau verloren. Viele, auch kleinere Verbände, arbeiten im Rahmen ihrer Möglichkeiten zunehmend zielorientierter und individueller. Sie konzentrieren sich stärker auf eine konsequente Förderung einzelner Talente im Aufbau und später auf ausgebildete Spitzenspieler im Hinblick auf die Saisonhöhepunkte. Auch so sind internationale Erfolge möglich. Obwohl in großen Tischtennis-Nationen wie Rumänien und Frankreich auch heute sehr gute und erfolgreiche Arbeit geleistet wird, hat Europa an Spielstärke und internationaler Konkurrenzfähigkeit verloren. So wird es zukünftig noch wichtiger sein, den talentiertesten Europäerinnen und Europäern noch bessere Trainingsbedingungen zu bieten. Dies setzt aber mehr Kooperationen unter den europäischen Verbänden und vermehrt verbandsübergreifende Trainingsmöglichkeiten voraus. Die Werner-Schlager-Akademie in Schwechat könnte hier zukünftig eine wichtige Rolle spielen, vor allem für Aktive aus Verbänden mit eingeschränkten Möglichkeiten in ihren Leistungssportstrukturen.“

Butterfly: Trotz aller Erfolge und der Unantastbarkeit von Deutschlands Herren in Europa, der Sturz der Supermacht China bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen ist noch nicht gelungen. Könnte das Team 2012 bei den Olympischen Spielen in London 2012 oder zuvor im gleichen Jahr bei den Mannschafts-Weltmeisterschaften in Dortmund reif genug für den großen Wurf sein?

Schimmelpfennig: „Die Chinesen waren auch 2010 international ein Klasse für sich. Dennoch hatten unsere Herren im Finale der Team-Weltmeisterschaften in Moskau bessere Chancen denn je. Das bestärkt uns, weiter hart an uns zu arbeiten, um uns weiter zu verbessern. Wir sind dabei sicher gut beraten, uns nicht nur an den Chinesen, sondern vor allem immer auch an der asiatischen Konkurrenz aus Südkorea, Japan, Hongkong, Singapur und Taiwan zu orientieren. Dabei sollten wir uns immer auf unser eigenes, engagiertes Handeln zu konzentrieren.“


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